„Berger Markt“Ein Karussell (frz. carrousel ‚Ringelstechen‘), früher auch Ringelreiten, im süddeutschen Raum Reitschule, in ÖsterreichRingelspiel und schweizerisch (umgangssprachlich) Rösslispiel genannt, ist ein um eine vertikale Achse drehbares Gestell, durch das Personen auf Sitzen verschiedener Art im Kreis gedreht werden. Es ist in vielen Varianten als Fahrgeschäft aufJahrmärkten, sonstigen Volksfesten und in Vergnügungsparks anzutreffen.1924

Geschichte

Die frühesten Berichte über Karussells stammen aus dem ehemaligen Byzantinischen Reich: Im damals türkischen Philippopolis (heute Plowdiw, Bulgarien) wurde das erste Karussell am 17. Mai 1620 präsentiert. Der englische Reisende Peter Munday beschreibt diese von ihm skizzierte achtsitzige, von Menschenkraft angetriebene Kuriosität so:

„Es besteht aus einem großen Wagenrad, an dessen äußerer Seite kleine Sitze befestigt sind, worauf die Kinder ihren Platz einnehmen. Dann wird das Rad in Bewegung versetzt, und sie kreisen in horizontaler Richtung herum.“Karusell-Nizza

Im Mittelalter wurde eine Art Karussell dazu benutzt, Ritter zu trainieren. Sie nahmen außen auf dem Karussell Platz und mussten versuchen, die um das Karussell angeordneten Ringe mit ihrer Lanze zu durchstechen. Da die meisten Menschen Rechtshänder sind und deshalb die Lanze in die rechte Hand nahmen, drehten sich diese Karussells entsprechend stets gegen den Uhrzeigersinn. Im 18. Jahrhundert war es an den barocken Höfen Europas üblich, dass Herren wie Damen auf Pferden leichte Geschicklichkeitsübungen vollführten, bei denen zum Beispiel mit einer Lanze versucht werden musste, kleine Ringe aufzustecken (daher auch der deutsche Begriff Ringelreiten). Später wurden die echten Pferde durch von Menschenkraft betriebene Vorläufer des Karussells ersetzt.Karussell_Anf._19._Jh._Nachbau

Das erste motorisch angetriebene Karussell wurde am 1. Januar 1863 im englischen Bolton auf einem Töpfereimarkt in Betrieb genommen. Es war von Thomas Bradshaw gebaut worden und wurde von einer Dampfmaschine angetrieben, wahrscheinlich über eine Transmission aus Riemen. Diese Konstruktion verbreitete sich von England aus in ganz Europa und kam 1870 erstmals nach Amerika.

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Ab 1880 etwa erhielten die Karussellpferde, basierend auf einer Erfindung der Landmaschinenfabrik Savage, die charakteristische Auf- und Abbewegung, die den Eindruck des Reitens verstärkt. In besonders eindringlicher und dramatischer Art wurde dieses Auf und Ab in Zusammenhang mit der unaufhörlichen Drehbewegung von Alfred Hitchcock in der Schlussszene des Krimi-Klassikers Der Fremde im Zug dargestellt.killesberg

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steht der Betrieb eines Karussells häufig in Verbindung mit einer Jahrmarktorgel, die automatisch für eine Musikbegleitung sorgt. Sie hat, je nach Größe, ihren Platz entweder neben dem Karussell oder ist in dieses integriert. An neueren, aber in betont nostalgischem Stil gehaltenen Karussells handelt es sich jedoch oft nur um eine Kulisse, die Musik ist hier eine über Lautsprecher abgespielte Aufnahme.Kinderspiele_1828_Karussell

Besondere Traditionen im deutschsprachigen Raum[Bearbeiten]

In Deutschland drehte sich das erste Karussell im Jahre 1780. Das im November 1779 begonnene und im Oktober 1780 fertiggestellte Karussell befindet sich in einem Rundtempel auf einem künstlich angehobenen Hügel in Wilhelmsbad, einer ehemaligen Kuranlage in Hanau am Main. Dieses in seiner Art einmalige Bauwerk scheint damit auch das älteste noch existierende Karussell der Welt zu sein, es befindet sich seit Februar 2007 in Restaurierung.

Der erstmals 1830 betriebenePemperlprater 2014 in Passau mit dem »Fisch« für das Ringelstechen am rechten Bildrand

Eine besondere Tradition besteht mit dem sogenannten Pemperlprater in Passau. Das ursprünglich zwischen 1826 und 1829 vom Schuhmacher und Bildschnitzer Engelbert Zirnkilton geschaffene Karussell wurde erstmals 1830 auf der Passauer Maidultbetrieben. Im Lauf der Zeit wurde das Karussell mehrmals umgebaut und modernisiert, bis es etwa um 1910 sein heutiges Aussehen bekam. Seinen festen Platz außerhalb der Dultzeiten fand das Karussell in der Folge an der Innpromenade. Bis Mitte der 1990er Jahre war der Pemperlprater noch in Besitz der Nachfahren Zirnkiltons und gehörte fest zum Passauer Stadtbild. Die nachfolgenden Besitzer betrieben ihn bis 2003 nur noch zeitweilig am traditionellen Standort. 2002 wurde er dort letztmals durch ein Hochwasser überflutet. Nach mehreren Besitzerwechseln wurde der Pemperlprater 2014 von der Stadt Passau aufgekauft und soll in den Sommermonaten auf der Veste Oberhaus seinen festen Platz finden. Als Besonderheit hat sich beim Pemperlprater das für das Karussell namensgebende Ringelstechen bis heute erhalten: Wer den »goldenen Ring« »sticht«, erhält eine Freifahrt. Es gilt somit als weltweit ältestes Karussell mit Ringelstechen.marseille

Weltbekannt ist das 1907 von Hugo Haase in Leipzig gebaute Stufenkarussell „El Dorado“. Es wurde 1910 für 150.000 Dollar nach Coney Island verkauft, kam 1970 zur Weltausstellung nach Osaka und steht heute im Freizeitpark Toshimaen in Tokio. Bis auf kurze Zeitabschnitte ist es somit über 100 Jahre in Betrieb.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Karussell