Die Silexzeitung

bitte Adblocker ausschalten – Einnahmen der Werbung für Waldorfschule Kräherwald Stuttgart Flüchtlingshilfe

Kategorie: Kierkegaard

Tagebuch des Verführers – Søren Kierkegaard

Zeitgenössisches Porträt: Søren Kierkegaard an seinem Schreibtisch.Zeitgenössisches Porträt: Søren Kierkegaard an seinem Schreibtisch.Bildergebnis für Søren Kierkegaard

Zuerst macht er über Jahre hinweg einer schönen jungen Frau den Hof, dann aber zieht er sich überraschend kurz vor der Verlobung zurück. Aber das ist nicht das einzige Seltsame an dem dänischen Theologen und Schriftsteller Søren Kierkegaard, der am Sonntag vor 200 Jahren geboren wurde.Bildergebnis für Søren Kierkegaard

Essen.. Er war ein Dandy und ein Denker, dieser Søren Kierkegaard, ein tief religiöser Theologe und ewiger Sinnsucher. Vor 200 Jahren, am 5. Mai 1813, wurde er als siebtes Kind einer Kaufmannsfamilie in einigen Wohlstand hineingeboren – und so üppig sein Werk auch ausfiel, ist seine Philosophie doch eher eine der Askese.

Wer zum 200. Geburtstag die vielen Gesichter des Søren Kierkegaard begreifen will, bekommt einen aufreizenden Schlüssel an die Hand: das „Tagebuch des Verführers“ als Tor zu Kierkegaards Werk. Dass dieses Buch seiner Liebe zu Regine Ohlsen (1822-1904) geschuldet ist, war schon im Jahr des Erscheinens 1843 in der Kopenhagener Gesellschaft kein Geheimnis. Kierkegaard hatte die zehn Jahre jüngere Regine als 14-Jährige kennengelernt, über Jahre entwickelte sich ihre Zuneigung, doch wenige Monate nach der Verlobung 1840 zog Kierkegaard sich zurück. Legte ihr die Trennung nahe, weil er daran zweifeln würde, sie glücklich machen zu können. Und blieb bis zu seinem Tod 1855 unverheiratet.Bildergebnis für Søren Kierkegaard

Kompliziertes Verhältnis zur Erotik

Die wahren Gründe für diesen Rückzug sind nicht zu ergründen; Kierkegaards wohl kompliziertes Verhältnis zur Erotik wird gerne ins Spiel gebracht, oder die Idee, er habe diese Liebe seiner wahren Leidenschaft, der Dichtkunst, geopfert. Fest steht, dass ihm das „Tagebuch des Verführers“ ihm als Schwarzer Peter dienen sollte, den er selbst sich zuschrieb. Denn jener Johannes, der da um die Gunst einer gewissen Cordelia wirbt, hat es auf die Unschuld ihrer Seele abgesehen, er trickst und täuscht, um sie zu gewinnen – mit dem erklärten Ziel, sie dann von sich zu stoßen: „Ich herrsche über die Stürme der Stimmungen.“ Wer lernen will, wie Verführung kalt lächelnd zu erreichen sei – hier kann man es.

Die wahre Sogwirkung dieses Werkes aber entsteht aus seiner Doppelbödigkeit: Denn während der Erzähler eine zutiefst unmoralische seelische Vergewaltigung beschreibt, wäscht sich der Autor mit jeder Zeile rein. Indem er sich die Rolle des Unholds gibt, indem er so die Schuld für die Trennung ganz auf sich nimmt, tut er ein gutes Werk an seiner großen Liebe Regina.

Text: http://www.deutschlandfunkkultur.de/verfuehren-und-fallen-lassen.950.de.html?dram:article_id=245178

Sören Kierkegaard – Die Lilien auf dem Felde

Bildergebnis für Lilien

Sehet die Vögel unter dem Himmel an; schauet die Lilien auf dem Felde!

Du sagst vielleicht mit dem Dichter: o daß ich ein Vogel wäre, wie der freie Vogel, der in lustiger Fahrt weit weit fortfliegt, dem Himmel so nahe, zu fernen fernen Fluren – während mich Sorgen und Widerwärtigkeiten und Leiden täglich merken lassen, wie ich an die Stelle gebunden und genagelt bin. O daß ich ein Vogel wäre, frei wie der Vogel, frei von allen Rücksichten wie der kleine Singvogel, der demütig singt, ob auch Niemand auf ihn hört, oder der stolz singt, ob auch Niemand auf ihn hört! Ach, während ich keinen Augenblick und Nichts für mich selbst habe, sondern tausend Rücksichten nehmen muß. O daß ich eine Blume wäre, wie die Blume auf dem Felde, glücklich in mich selbst versunken und weiter nichts – ach, während ich auch in meinem Herzen diesen Zwiespalt des Menschenherzens fühle und weder in Selbstliebe mit Allem brechen, noch auch liebevoll Alles opfern kann!

So spricht der Dichter. Wenn man flüchtig darauf hört, klingt es fast, als sagte er dasselbe, wie das Evangelium, da er ja in den stärksten Ausdrücken das Glück des Vogels und der Lilie preist. Aber höre nur weiter; er sagt: daher ist es beinahe wie eine Grausamkeit von dem Evangelium, daß es die Lilie und den Vogel preist und sagt: Du sollst so sein – ach während ich so sehnsüchtig wünsche, daß ich wie der Vogel unter dem Himmel wäre und wie die Lilie auf dem Felde. Aber es ist ja eine Unmöglichkeit so zu werden, und deßhalb ist das Verlangen gerade so innerlich, so wehmütig und doch so brennend in mir. Wie grausam von dem Evangelium, daß es zu mir sagt: Du sollst so sein, während ich nur allzu tief fühle, daß ich es nicht bin und nicht sein kann.«Ähnliches Foto

Und so geht es dem Dichter immer mit dem Evangelium; es geht ihm ebenso, wenn das Evangelium sagt: werdet wie die Kinder! O daß ich ein Kind wäre, sagt der Dichter, unschuldig und froh als ein Kind – ach, während ich früh alt und schuldig und traurig geworden bin!

Wenn er an den Vogel und die Lilie denkt, so möchte er weinen; ach daß ich wäre wie der Vogel, von dem ich als Kind im Bilderbuch las, ach daß ich wäre wie die Blume, die in meiner Mutter Garten stand! Aber wollte man mit dem Evangelium zu ihm sagen: es ist Ernst, der Vogel ist im Ernst der Lehrmeister, so müßte der Dichter lachen; und er scherzt über den Vogel und die Lilie so witzig, daß er uns Alle zum Lachen bringt, selbst den ernsthaftesten Menschen, der je gelebt hat; aber das Evangelium bleibt unbewegt. So ernsthaft ist das Evangelium; alle Wehmut des Dichters verändert es nicht, während sie doch selbst den ernsthaftesten Menschen bewegt, daß er einen Augenblick nachgiebt und in des Dichtes Gedanken eingeht und mit ihm seufzt und sagt: Lieber, ist es wirklich eine Unmöglichkeit für dich, ja so darf ich auch nicht sagen: »Du sollst«! Aber das Evangelium darf dem Dichter befehlen, daß er soll wie ein Vogel sein. Und so ernst ist das Evangelium, daß auch der unwiderstehlichste Einfall des Dichters es nicht zum Lächeln bringt.Bildergebnis für Lerche

Du sollst wieder Kind werden, und zu dem Zweck mußt Du das Wort verstehen können und wollen, das wie für Kinder berechnet ist, und welches jedes Kind versteht, das Wort: Du sollst, und du sollst es verstehen, wie das Kind es versteht. Das Kind fragt niemals nach Gründen, das darf das Kind nicht, das braucht das Kind auch nicht. Für das Kind ist es Grund genug, daß es soll; alle anderen Gründe zusammen sagen nicht so viel wie dieser eine. Und das Kind sagt niemals: ich kann nicht. Das darf das Kind nicht, und es ist auch nicht wahr – das Eine entspricht ganz dem Anderm; grade weil das Kind nicht darf sagen »ich kann nicht«, deshalb ist es auch nicht wahr, daß es nicht könnte; denn wenn man nicht anders darf, dann muß man ja können, das ist ganz gewiß – es kommt bloß darauf an, daß einem ganz gewiß ist: man darf nicht anders, dann kann man auch. Und das Kind sucht niemals Ausflüchte oder Entschuldigungen; es versteht, daß es keinen Versteck giebt weder im Himmel noch auf Erden, nicht in der Stube, noch im Garten vor diesem »Du sollst«. Und wenn man gewiß weiß, daß es keinen solchen Versteck giebt, so giebt es auch keine Ausflucht oder Entschuldigung, und giebt es keine, so sucht man natürlich auch keine und thut also, was man soll. Und das Kind braucht niemals lange Ueberlegung; denn wenn es soll, so ist ja keine Gelegenheit zum Ueberlegen. Ja, wollte man ihm auch eine Ewigkeit zum Ueberlegen geben, das Kind würde sie nicht brauchen, das Kind würde sagen: wozu all die Zeit, wenn ich doch soll. Denn was das Kind soll, das soll das Kind, das steht fest und hat gar nichts mit Ueberlegen zu thun.Bildergebnis für Lerche

So laß uns denn nach der Anweisung des Evangeliums Lilie und Vogel im Ernst als Lehrmeister betrachten. Im Ernst, denn das Evangelium ist nicht so überspannt geistlich, daß es Vogel und Lilie nicht brauchen könnte, aber es ist auch nicht so irdisch, daß es auf Lilie und Vogel nur wehmütig oder lächelnd sehen könnte. Laß uns von Lilie und Vogel als Lehrmeistern lernen

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

banner