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 Was liegt für eine Konstitution vor bei diesen Kindern? Sie haben von

konstitutionellem Schwachsinn gesprochen.

Dr. Steiner: Wo Kleptomanie vorhanden ist, ist eigentlich die Sache

so: der Mensch hat diese gegenteiligen polarischen Organisationen.
Die Kopforganisation ist so veranlagt, daß sie auf die Aneignung von
allem geht; man muß sich alles aneignen. Die Kopforganisation ist
der eine Pol, während der andere Pol, die Stoffwechselorganisation,
das moralische Empfinden trägt. Man kann das sogar schematisch
zeichnen, indem man eine Lemniskate zeichnet. Die Kopforganisa-
tion kennt das Eigentum nicht, sie kennt nur einen absoluten Besitz24

von allem, was in ihren Bereich kommt. Der andere Pol kennt das

Moralische. Wenn aber die Organisation des Kopfes einfach her-
unterrutscht und in die Willensorganisation hineingeht, so entsteht
die Kleptomanie. Dieser Erkrankung liegt zugrunde, daß der Mensch
in seiner Willensorganisation die Elemente hat, die in die Kopf-
organisation hineingehören. Das Stehlen ist ganz verschieden von

dieser kleptomanischen Anlage, die sich in starken Absenzen wäh-

rend des Stehlens äußert. Es wird der Stoff mehr unter dem Anblick
des zu stehlenden Gegenstandes genommen. Der Gegenstand ist der
Verführer; es werden keine raffinierten Dinge angestellt, um den
Gegenstand zu bekommen. Das Symptomenbild der Kleptomanie ist

scharf abgegrenzt.25
Der Fall N. N. hätte ein Grenzfall gegen Kleptomanie hin sein kön-
nen. Bei diesen beiden Jungen liegt aber vor ,,moral insanity“, ein
absolutes Nicht-Erfassen-Können, schon im Kopf, der physischen
Organisation, ein Nichthineinkommen in den ätherischen und phy-
sischen Leib. Nicht epileptisch plötzliche, sondern fortdauernde
Absenzen.
Der W. R. ist ein Mensch, der nie ganz bei sich ist, der nicht herum-

geht wie ein gewöhnlicher Mensen, sondern wie ein Somnambuler.

Bei ihm werden sogar die Lichtstrahlen aufgesogen, die von der Seite
her einfallen. Er sieht nicht so wie ein anderer Mensch. Ganz abnorm
ist seine Augenhaltung. Außerdem ist die Schläfenorganisation des

Gehirns verhärtet. Da kann schon nicht der Astralleib herein. Es liegt

also ausgesprochener Schwachsinn vor, der hereditär ist von Vater
und Mutter, der überhaupt verhindert, an eine solche Urteilsfällung
heranzukommen, irgend etwas ist erlaubt oder nicht erlaubt. Er
kann es nicht fassen, es entgleitet ihm immer. Es ist so, wie wenn

man eine Glasscheibe anfassen will, die man mit Fett beschmiert hat.
Da das Intellekturteil sich im Ätherleib abspielt und vom Astralleib
dann zurückgestrahlt wird, kann er intellektuell ganz außerordent-

lieh sein. Soll aber der Mensch moralische Impulse entwickeln, so
muß der physische Leib vom Ätherleib erfaßt werden. Und das ist
nicht der Fall. Er hat nicht die Affinität sich zu sagen, dies ist gut, das
darfst du tun, das nicht, und so weiter. Um ein Urteil zu bilden, dazu
gehört nicht bloß die Verbindung von Subjekt und Prädikat, sondern
es gehört die intensive Kraft dazu, sich in das Urteil hineinzufühlen

(hineinzuleben?). Subjekt und Prädikat kann er wohl verbinden, aber

nur im Bilde, nicht im Willen. 26Daher kommt er nicht dazu, mora-

lische Affinität zu entwickeln. Bedenken Sie nur einmal, wie stark
hereditär das bei ihm ist! Es ist schon sehr schwer.
Warum lügt der Junge? Er lügt deshalb, weil es ihm bei der geringen

Intensität der Willenskräfte beim Fällen eines Urteils nicht möglich

ist, einen Sinn für Wahrheit zu entwickeln. Ihm ist es egal, nicht

wahr, ob er sagt, etwas ist weiß, oder es ist schwarz, ob er nein oder ja
sagt. Intaktsein der Einsicht hat nichts damit zu tun. Sie müssen

unterscheiden zwischen dem Intaktsein der Einsicht, die kann voll-
kommen da sein, und jener intensiven Fangkraft, die das Urteil
abfängt. Bei dem Schwachsinnigen fehlt diese intensive Fangkraft,
das Urteil abzufangen. Er kommt nicht dazu, es zu fassen, das Urteil.

Das hat nichts mit Logik zu tun, sondern das ist eine psychologischesache.