das-nibelungenlied – Text bei Gutenberg

Nibelungenlied in anderen Fassungen

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Erster TeiL

1. Aventüre

Am Königshof in Worms lebt Kriemhild mit ihren drei Brüdern Gunther, Gernot und Giselher, die ihre Vormunde sind, und ihrer Mutter Ute. Ihr Vater ist bereits verstorben. Wichtige Gefolgsleute der Könige sind Hagen von Tronje, ein Verwandter der Könige und ihr wichtigster Ratgeber, Hagens Bruder Dankwart und aus deren Verwandtschaft weiterhin Ortwin von Metz, sowie unter den Hofbeamten der Küchenmeister Rumold. Kriemhild träumt, dass sie einen Falken aufzieht, den zwei Adler zerfleischen. Ihre Mutter deutet den Traum: der Falke steht für einen edlen Mann, und Kriemhild läuft Gefahr, ihn zu verlieren, wenn Gott ihn nicht beschützt. Kriemhild weist den Gedanken an Mann und Liebe von sich; sie will bis zu ihrem Tod „schön“ (das bedeutet: jungfräulich) bleiben, weil die Liebe schon vielen Frauen Leid brachte.hagen Die Mutter versucht, sie zu beruhigen und weder den Traum noch die Liebe, die den Menschen glücklich mache, als gefährlich darzustellen. Trotzdem wird Kriemhild lange Zeit die Liebe ablehnen.

2. Aventüre

Nun wird Siegfried vorgestellt, der Sohn König Siegmunds und Königin Sieglindes von Xanten am Niederrhein. Er hat wunderbare Anlagen und wird von weisen Erziehern zu einem vorbildlichen zukünftigen Herrscher erzogen. Siegfried wird als kampfgewandter und mutiger junger Mann beschrieben, der oft seine Kräfte erprobt. Wichtigstes Ereignis in Siegfrieds Jugend ist seine Schwertleite (Ritterschlag); das erste der Feste im Nibelungenlied und das einzige, auf dem niemand Leid empfindet, sondern alle nur Freude. Anlässlich der Vergabe der erblichen Lehen durch Siegfried an die Lehnsleute der nächsten Generation auf diesem Fest äußern die mächtigen Herren, dass sie auch eine Herrschaftsübernahme durch Siegfried gerne sehen würden.siegfried Er macht sich jedoch nichts aus Herrschaft und tritt freiwillig hinter seine Eltern zurück, obwohl er die Aufgaben des Königs, insbesondere das Richteramt, gerne wahrnimmt. Dieser Zug Siegfrieds, die Aufgaben eines Herrschers leicht und gerne zu erfüllen und gleichzeitig nicht die formalen Ehren der Herrschaft für sich anzustreben, wird für ihn bis zu seinem Tod kennzeichnend sein.

3. Aventüre

Siegfried will um Kriemhild werben, die alle Werber abweist. Doch seine Eltern, Siegmund und Sieglinde, sind zunächst dagegen. Siegmund hat anscheinend Sorge, dass ein Krieg mit den Burgunden ausbrechen könnte – das mächtige Wormser Reich würde wohl nicht eine Prinzessin an das kleinere Xantener Reich verheiraten –, und Sieglinde sorgt sich um das Leben ihres Sohnes. Obwohl sie ihm vehement davon abraten, fasst Siegfried den festen Entschluss, um die Hand Kriemhilds, notfalls mit Gewalt, anzuhalten. Am Ende setzt er seinen Willen durch und trotz ihrer Sorgen und Bedenken unterstützen ihn seine Eltern bei diesem Vorhaben. Schließlich bricht Siegfried mit nur 12 Gefährten nach Worms auf. Als sie dort ankommen, ahnt Hagen, dass es sich bei dem Ankömmling um Siegfried handelt, und erzählt dem Hof aus dessen Geschichte: Siegfried erwarb den wunderbaren Hort des verstorbenen Königs Nibelung, indem er dessen Söhne erschlug. Diese waren bei der Erbteilung in Streit geraten und hatten Siegfried gebeten, ihnen den Hort zu teilen. Aber auch mit seiner Teilung waren sie nicht einverstanden und gingen zornig auf ihn los. Vorausschauend hatte Siegfried im Voraus als Lohn für die Erbteilung Balmung, das Schwert des Nibelung, verlangt, und erschlug damit sie und die Riesen in ihrem Gefolge. Der Zwerg Alberich bewachte den Hort in einer unsichtbar machenden Tarnkappe. Siegfried konnte ihm die Tarnkappe abnehmen und ihn fesseln. Alberich musste fortan als Kämmerer den Hort für Siegfried bewachen.drache Außerdem, setzt Hagen fort, erschlug Siegfried einmal einen Drachen, badete in dessen Blut und besitzt seither eine unverletzliche Hornhaut. Das erste, was Hagen von Siegfried berichtet, ist der Erwerb des Hortes: Hagens Gedanken sind immer wieder auf dessen Besitz fixiert. Gunther geht daraufhin Siegfried entgegen (was ehrenvolle Anerkennung von Gleichrangigkeit bedeutet), aber Siegfried fordert unter Berufung auf seine königliche Abstammung Gunther zum Zweikampf heraus; dem Sieger solle das Erbe des Unterlegenen gehören. Der Wormser Hof geht darauf nicht ein: das Burgundenreich ist ein Erbreich; man hat es weder nötig, jemandem sein Reich mit Gewalt abzunehmen, noch will man es gegen Gewalt abtreten. Fast kommt es zu einem Kampf, doch im letzten Moment greift Gernot ein und verhindert ihn. Stattdessen schlägt er vor, Siegfried möge als Gast bleiben, was dieser gerne annimmt. Allerdings bekommt er Kriemhild ein Jahr lang nicht zu sehen und erwähnt auch nicht, dass sie der Grund seines Kommens ist. Während die Prinzessin vor den Augen der Ritter, also auch Siegfrieds, verborgen gehalten wird, kann sie von oben, aus den Fenstern der Kemenate, ohne gesehen zu werden, die Spiele der Ritter im Burghof beobachten, bei denen Siegfried sich glänzend hervortut. Sie verliebt sich in ihn, ohne dass er weiß, dass sie ihn schon gesehen hat.

4.–5. Aventüre

Als die Sachsen und Dänen mit einem übermächtigen Heer dem Wormser Reich den Krieg erklären, bietet Siegfried seine Hilfe an. Er leitet umsichtig den Kriegszug und besiegt außerdem persönlich die beiden feindlichen Könige im Zweikampf.krimhild Da man erkannt hat, dass Kriemhild Siegfried zu seiner Hilfeleistung motivierte, versucht man beim Siegesfest, ihn mit Kriemhild zu ködern, um weiterhin seiner Hilfe sicher zu sein. Während des Festes tauschen Kriemhild und Siegfried liebevolle Blicke.

6.–8. Aventüre

Trotzdem will Siegfried erst werben, wenn er auch Gunther zu einer Braut verholfen hat: Gunther hat sich brünhild in den Kopf gesetzt, die Königin von Island, von der Siegfried abrät: Brünhild besitzt, so lange sie Jungfrau bleibt, übernatürliche, magische Kräfte und ist nicht bereit, sich einem Mann hinzugeben, der sie nicht in drei Kampfspielen besiegen kann: Steinwurf, Weitsprung und Speerwurf. Misslingt es ihm, ist sein Leben verwirkt. Gelänge es ihm, wäre sie bereit, seine Überlegenheit anzuerkennen und seine Frau zu werden. Gunther könnte das nie leisten. Siegfried ist sowohl ortskundig, denn er war schon an Brünhilds Hof und kennt sie persönlich, als auch kräftig genug, die Spiele zu bestehen, hat allerdings trotzdem nicht um sie geworben. Hagen rät, Siegfried möge Gunther zu ihr verhelfen. Siegfried verspricht es, wenn Gunther ihm dafür Kriemhild zur Frau gibt. Auf märchenhafte Weise segeln Gunther, Siegfried, Hagen und Dankwart nur zu viert in einem kleinen Schifflein nach Island.

Brünhild erwartet zunächst, dass Siegfried um sie werben wolle. Um nicht ihren Verdacht zu erregen, warum er mitkommt, gibt Siegfried sich als Gefolgsmann Gunthers aus und erklärt, er komme nicht freiwillig mit. Um diese Täuschung zu vervollkommnen, leistet Siegfried für Gunther den Stratordienst: er führt Gunthers Pferd vor aller Augen am Zügel. Daraufhin akzeptiert Brünhild, dass Gunther um sie werben will, und wird zu ihrer Überraschung von ihm, den sie für schwach einschätzte, besiegt: Durch die Tarnkappe unsichtbar gemacht, besiegt Siegfried Brünhild so, dass sie glaubt, Gunther habe den Sieg mit eigener Kraft errungen. Brünhild lässt ihre Gefolgsleute herbeiholen, um die Herrschaft an Gunther zu übergeben. Hagen befürchtet, diese Übermacht könnte sie überfallen.

Daher fährt Siegfried, durch die Tarnkappe unsichtbar, mit dem Schifflein ins Nibelungenland und holt tausend Nibelungen herbei – nachdem er den Torwächter und seinen Kämmerer Alberich inkognito auf ihre Treue überprüft und dabei verprügelt hat. Nun übergeben Brünhild und Gunther die Verwaltung Islands an einen Verwandten Brünhilds; man reist nach Worms ab.

9. Aventüre

Gunther will Hagen als Boten voraus schicken, damit in Worms ein festlicher Empfang vorbereitet werden kann. Hagen aber lehnt ab, da er kein Bote sei. Gunther solle stattdessen Siegfried bitten. wormsSiegfried weist diese Zumutung zunächst zurück, doch als Gunther ihn bittet, Kriemhild zuliebe den Auftrag auszuführen, sagt Siegfried zu. Er entledigt sich bestens dieser Aufgabe, und alles wird für den Empfang vorbereitet.

10. Aventüre

Brünhild kommt in Worms an. Hier ist alles anders: Siegfried wird, zu ihrer Verwunderung, ebenso königlich behandelt wie Gunther. Es gibt eine Doppelhochzeit: Gunther – Brünhild und Siegfried – Kriemhild. Kriemhilds Vermählung mit dem vermeintlichen Gefolgsmann Siegfried erscheint Brünhild als eine Mesalliance. Brünhild weint an der Hochzeitstafel und verlangt von Gunther Aufklärung. Um die Ehe nicht zu gefährden, darf sie nicht erfahren, dass sie einem Betrug aufgesessen ist. Gunther verweigert ihr daher die Auskunft. Da beschließt sie, den Vollzug der Ehe zu verweigern, bis er ihr die Wahrheit gesteht. Da Gunther das nicht tun kann, fesselt ihn Brünhild in der Hochzeitsnacht mit ihrem Gürtel und hängt ihn an einen Nagel an der Wand, weil er ihr nicht verrät, warum seine Schwester Kriemhild nicht zu gut als Frau für Siegfried ist, weil Siegfried Gefolgsmann Gunthers sei. Erst am Morgen nimmt sie ihn ab. Wieder muss Siegfried helfen: In der nächsten Nacht schleicht er, durch die Tarnkappe unsichtbar, in Gunthers Schlafzimmer und ringt Brünhild im Ehebett nieder, bis sie sich freiwillig ergibt. Dann tauschen Gunther und Siegfried die Plätze und ringGunther vollzieht die Ehe. Erst durch den Verlust der Jungfräulichkeit verliert sie ihre magischen und die für eine Frau ungewöhnlichen Kräfte. Während des Kampfes entwendet Siegfried heimlich Brünhilds Ring und Gürtel und schenkt sie später seiner Frau Kriemhild als Beweisstücke, wo er in der Nacht nach der Hochzeitsnacht gewesen war.

11. Aventüre

Siegfried und Kriemhild reisen am Ende der Hochzeitsfeierlichkeiten in ihr Reich ab. Da kommt es zur ersten Meinungsverschiedenheit. Kriemhild wünscht, dass ihre Brüder mit ihr das Erbe teilen. Siegfried ist dagegen, weil er so reich ist, dass sie es nicht nötig hat, ihren Brüdern etwas wegzunehmen. Kriemhilds Brüder wären kompromissbereit; Kriemhild selbst ebenfalls: sie wolle doch einen Anteil an den burgundischen Gefolgsleuten, um im neuen Land Vertraute um sich zu haben. Darauf einigt man sich; sie will Hagen von Tronje mit sich nehmen.erbe Hagen ist empört: die Verpflichtung derer von Tronje ist, den Königen zu dienen; an Siegfried verschenken dürften sie ihn nicht. Eine Frau als Herrscherin kommt also in Hagens Weltbild nicht vor. Damit sind in dieser für Kriemhild wichtigen Frage Siegfried und Hagen einer Meinung. Einige Gefolgsleute folgen Siegfried und Kriemhild freiwillig; insbesondere der Graf Eckewart. Kriemhild wird in Niderland prächtig empfangen; Siegmund übergibt die Herrschaft vollständig an Siegfried. Nach neun Jahren gebiert Kriemhild einen Sohn, den man Gunther nennt; etwa zur selben Zeit schenkt Brünhild ebenfalls einem Sohn das Leben; man nennt ihn Siegfried. Siegfried herrscht außer über Niderland auch über Nibelungenland, das mit Norwegen identifiziert wird, und genießt vor allem die unvorstellbaren Reichtümer des Nibelungenhorts.

12.–13. Aventüre

Obwohl seit der Hochzeit viel Zeit vergangen ist, bewegt Brünhild immer wieder die Frage nach der angeblichen Vasallenstellung Siegfrieds. Sie fragt sich wie Kriemhild eine glückliche Ehe mit ihm führen kann, der sich ja zuvor bei der Brautwerbung Brünhilds als Gefolgsmann Gunthers vorstellte. Auch leisteten seit langem weder er noch Kriemhild standesgemäß König Gunther den Vasallendienst – Brünhild wittert den Betrug und drängt nach der Wahrheit. Zwar wäre das Vasallenverhältnis zwischen Siegfried und Gunther durch eine so lange Zeit der Nichtleistung von Diensten längst verjährt, dennoch verlangt Brünhild vom König, Siegfried zum Hofdienst zu befehlen. Um den Forderungen Brünhilds Rechnung zu tragen und gleichzeitig Siegfried nicht zu beleidigen, findet Gunther einen Kompromiss. Er lädt Siegfried und Kriemhild zu einem Fest nach Worms.fest Gunther schickt Boten zu Siegfried und Kriemhild, die zeitweise in Xanten, dem Erbreich Siegfrieds, zeitweise im norwegischen Nibelungenland residieren. Kriemhild hat trotz ihrer großen Liebe zu Siegfried und der Machtstellung, die sie seit Sieglindes Tod inne hat, ab und an Heimweh nach Worms. Auf ihren Wunsch nimmt Siegfried die Einladung an und lässt die Boten mit großzügigen Geschenken nach Worms zurückkehren. Hagen veranlassen die üppigen Gaben zu einer missgünstigen Bemerkung gegenüber dem Reichtum Siegfrieds.

Siegfried, Kriemhild und Siegmund reisen nach Worms; das Kind wird zurückgelassen. In Worms werden Siegfried und Kriemhild wieder gleichrangig mit Gunther und Brünhild behandelt.

14. Aventüre

Als sie einem Turnier zusehen, geraten die beiden Königinnen in einen Streit über den Rang ihrer Männer: Kriemhild lobt ihren Gatten Siegfried überschwänglich, als dieser sich im Turnier hervortut, und meint, einem so herrlichen Helden stehe es an, auch über das Wormser Reich zu herrschen. Darauf antwortet Brünhild, dass sie selbst Siegfried habe sagen hören, dass Gunther sein Herr sei. Daher halte sie ihn für einen ‚Eigenmann‘ (einen Unfreien) und zu Diensten verpflichtet,[8] – so weit waren Siegfrieds Äußerungen und Handlungen auf Island aber nicht gegangen (den Steigbügeldienst als Symbol der Unterordnung hatten auch die Päpste Hadrian IV.und Alexander III. von Kaiser Friedrich I. Barbarossa verlangt – für das Publikum des Nibelungenliedes hatte die Frage, wie tief man sich durch den Stratordiensterniedrigt, eine hochpolitische Komponente).[9] Kriemhild gerät in Zorn. Beide wollen den Streit öffentlich austragen, um die Rangfrage verbindlich zu entscheiden: Diejenige der beiden, die bei der Abendmesse zuerst das Münster betreten darf, solle als ranghöher gelten. Kriemhild bereitet sich für diesen Auftritt entsprechend vor und kleidet sich und ihr Gefolge prächtig ein. Als Brünhild Kriemhild vor dem Betreten des Münsters befiehlt, stehenzubleiben, und sie als eigen diu (‚leibeigene Dienstmagd‘) beschimpft, nennt Kriemhild sie eigen mannes kebse (‚die Kebse eines leibeigenen Mannes‘), weil Siegfried, nicht Gunther, Brünhild die Jungfräulichkeit genommen habe. Brünhild weint; Kriemhild betritt als erste das Münster. Während der Messe denkt Brünhild nach, wieso Kriemhild eine solche Beschimpfung hatte äußern können, und beschließt bei sich, Siegfried müsse sterben, wenn er sich entsprechend geäußert hätte. Nach der Messe ist Brünhild wieder gefasst und fordert von Kriemhild Beweise. Diese weist nun Brünhilds Ring und Gürtel vor. Brünhild weint aufs Neue und ruft Gunther herbei, der Siegfried holen lässt, er solle aussagen, ob er sich gerühmt hätte, Brünhild die Jungfräulichkeit genommen zu haben, oder einen Eid leisten, es nicht gesagt zu haben. Siegfried ist sofort bereit, den Eid zu leisten. Doch Gunther erlässt ihm den Eid, weil ihm Siegfrieds Unschuld bekannt sei. todSiegfried schiebt die Schuld auf die Streitsucht der Frauen und betont die Pflicht des Gatten, die Ehefrau zu züchtigen. Hagen will sich für die erheblich verletzte Ehre seiner gedemütigten Herrin rächen; der Vorfall liefert einen hervorragenden Grund, Siegfried zu töten, denn es geht Hagen vor allem um den Nibelungenhort, den er nur bei Siegfrieds Tod in seine Gewalt bekommen kann. Hagen schlägt im „Mordrat“ die Ermordung Siegfrieds vor, denn er hält Siegfried für eine Bedrohung des Hofes von Worms und überzeugt Gunther davon, dass es auch ihm, Gunther, nütze, wenn Siegfried den Tod fände: man könne dann die Reichtümer Siegfrieds an sich reißen. Zögernd gibt Gunther nach und übernimmt die Verantwortung für Hagens Taten.

15.–16. Aventüre

Gunther und Hagen lassen falsche Boten auftreten, sie sollten eine Erneuerung des Sachsenkrieges ankündigen. Siegfried ist sofort wieder zur Hilfe bereit. Hagen gelingt es, Kriemhild das Geheimnis zu entlocken, dass eine Stelle von Siegfrieds Rücken, die beim Bad im Drachenblut von einem Lindenblatt bedeckt wurde, verwundbar blieb, indem er ihr vorspiegelt, im Krieg diese Stelle beschützen zu wollen. Sie solle diese Stelle auf Siegfrieds Kleidung durch ein Kreuzchen markieren. Als er dies erreicht hat, kann der erlogene Kriegszug durch neue fingierte Boten, die die Kriegserklärung rückgängig machen, abgesagt werden. Stattdessen lässt Gunther eine Jagd ansetzen.linde

Als Siegfried sich von Kriemhild verabschiedet, um an dem Jagdausflug teilzunehmen, ahnt sie, dass es unvorsichtig gewesen war, Hagen das Geheimnis anzuvertrauen. Sie versucht, durch Erzählung warnender Träume Siegfried zu überreden, nicht an der Jagd teilzunehmen, wagt aber nicht, ihm ihre unkluge Handlung zu gestehen. Siegfried nimmt die Warnung nicht ernst und nimmt an der Jagd teil. Er ist der erfolgreichste Jäger. Hagen lässt mit Gunthers Zustimmung den Wein an einen falschen Ort senden; als Siegfried dürstet, schlägt er einen Wettlauf zu einer Quelle im Wald vor; Siegfried solle zeigen, wie schnell er laufen könne. Siegfried schlägt daraufhin vor, mit Hagen um die Wette zu laufen. Siegfried gewinnt den Wettlauf, wartet jedoch aus Höflichkeit, bis auch Gunther nachgekommen ist und getrunken hat. Dann beugt Siegfried sich über die Quelle. Nun kann Hagen Siegfried von hinten mit dessen Speer ermorden. Der Sterbende schilt den feigen Mord als verächtlich; am verächtlichsten sei Gunthers Haltung. Hagen ist stolz, die Herrschaft der burgundischen Könige gesichert und ihren Reichtum vergrößert zu haben.

17.–19. Aventüre

Johann Heinrich Füssli, Kriemhild wirft sich auf den toten Siegfried, 1817

Die Mörder kehren nachts über den Rhein nach Worms zurück. Hagen lässt Siegfrieds Leichnam vor Kriemhilds Kammertür werfen. Sie glaubt sicher zu wissen, wer der Mörder war, hat aber keine rechtstauglichen Beweise. Bei der ‚Bahrprobe‚ beginnen Siegfrieds Wunden zu bluten, als Hagen herantritt. Es war allgemeiner Glaube, dass die Wunden eines Toten bluten, wenn der Mörder an die Bahre tritt. Gunther leistet aber einen Reinigungseid für Hagen, dass dieser unschuldig sei und Siegfried von Räubern erschlagen wurde.

Siegmund kehrt wieder in sein Land zurück und bietet Kriemhild an, mitzukommen. Ute, Giselher und Gernot überreden sie jedoch zum Bleiben, da sie in Niederland nur den Schutz einer einzigen Person, des schon alten Siegmund, habe. Die Blutsverwandten könnten ihr besseren Schutz geben als die Verwandten des ermordeten Gatten.

Kriemhild verbringt mehrere Jahre mit Trauer und Gebet. Brünhild herrscht dagegen stolz und unangefochten, mit übermüete(‚Hochmut‘). Das Weinen Kriemhilds ist ihr gleichgültig.hort Hagen bringt die Könige dazu, Kriemhild zu überreden, den Nibelungenhort nach Worms kommen zu lassen. Sie benutzt aber den Schatz (ihre Morgengabe, daher ihr Eigentum), um fremde Recken an sich zu binden, indem sie ihnen Geschenke macht, aus denen sie eine Verpflichtung herleiten kann. Hagen ahnt, dass sie damit Freunde gewinnen könnte, die den Mord rächen und ihm gefährlich werden könnten. Er entwendet daher Kriemhild den Schatz und versenkt ihn im Rhein, in der Absicht, ihn bei Gelegenheit zu nutzen. Die drei Könige dulden sein Vorgehen und machen sich dadurch neuerlich mitschuldig. Damit endet der erste Teil.

Zweiter Teil

20.–23. Aventüre

Kriemhilds Rachepläne erhalten eine Chance zur Umsetzung, als 13 Jahre nach Siegfrieds Tod der Hunnenkönig Etzel, der mächtigste Herrscher der Welt, sie heiraten will. Sie lehnt zunächst ab und will den Rest ihres Lebens mit Trauer um Siegfried verbringen; aber ihre Brüder raten ihr zu der Heirat. Besonders Giselher hofft, sie mit dieser Heirat, die ihr Ehre und Ansehen zurückgeben wird, zu ergetzen, das heißt die Schuld (Siegfrieds Tod) zu sühnen. etzelNur Hagen erkennt die Gefahr, dass sie als Gattin Etzels über große Macht verfügen würde. Der Werber, Markgraf Rüdiger von Bechelaren (Pöchlarn an der Donau), verspricht ihr unbedingte Gefolgschaftstreue; daraufhin nimmt sie an. Kriemhild zieht mit großem Gefolge ins Land der Hunnen (Ungarn); Etzel zieht ihr entgegen; die Hochzeit findet in Wienstatt. Kriemhild wird zu einer mächtigen Herrscherin an Etzels Seite und schenkt ihm einen Sohn, Ortliep.

Weitere 13 Jahre später bringt sie in einem taktisch klugen „Bettgespräch“ Etzel dazu, ihre Brüder und Hagen, dem sie den Mord an Siegfried und den Raub des Nibelungenschatzes niemals verziehen hat, ins Land der Hunnen zu einem Hoffest einzuladen.

24.–27. Aventüre

Die Eingeladenen vermuten eine Falle. Zu den Warnern gehören Hagen, der Küchenmeister Rumold, dessen humorvolle Worte berühmt sind („Rumolds Rat“), sowie die alte Ute. Rumold erinnert nicht nur an Kriemhilds Rachepläne, sondern auch daran, dass Etzel eine Zeitlang die Vorherrschaft über das Burgundenreich beansprucht hatte und Hagen in seiner Jugend eine Zeitlang Geisel am Hunnenhof gewesen war. Gerade wegen der Warnungen, um nicht als Feigling zu gelten, befürwortet Hagen nun die Reise, obwohl er zunächst als erster vor ihr gewarnt hatte. Die Burgunden nehmen schließlich die Einladung an und begeben sich auf die Reise entlang der Donau, weil sie der Meinung sind, durch die Mitnahme von 1000 Kriegern (mit 9000 Knechten) genug gegen Rachepläne Kriemhilds oder Herrschaftspläne Etzels geschützt zu sein. Zum Abschied hält Gunther noch einmal das Beilager mit Brünhild. Das ist ihr letztes Auftreten im Nibelungenlied. Die Burgunden nehmen von hier an auch den Namen „Nibelungen“ an, was daran erinnert, dass sie sich nun als Besitzer des Hortes fühlen. Während der Reise an Etzels Hof wird Hagen von zwei weissagenden Wasserfrauen gewarnt, allen stehe der Untergang bevor, nur der Kaplan werde lebend nach Worms zurückkehren. Hagen will diesen sogleich töten, damit die Prophezeiung sich nicht erfülle, und wirft ihn, der nicht schwimmen kann, während der Überfahrt in die Hochwasser führende Donau und stößt ihn noch mit der Fährstange auf den Grund des Flusses; aber der Kaplan kann sich durch ein Wunder Gottes ans Ufer retten.tod1 Damit weiß Hagen: die Prophezeiung ist wahr. Bis zum Ende tut er daher alles, um das Schicksal herauszufordern. Unterwegs erleben sie, neben verschiedenen unheilvollen Vorzeichen, eine erfreuliche und tröstliche Bewirtung: durch Rüdiger von Bechelaren, mit dessen Tochter schließlich Giselher verlobt wird. Dadurch hat sich Rüdiger beiden Seiten verpflichtet; ahnungslos, dass zwischen Kriemhild und ihren Brüdern ein Konflikt ausbrechen könnte.

28.–30. Aventüre

Dietrich von Bern, der, aus seinem ererbten Königreich in Oberitalien vertrieben, mit seinen Getreuen im Exil am Hof Etzels weilt, reitet den Burgunden entgegen, um sie zu warnen, dass Kriemhild noch täglich um Siegfried weint. Hagen verhöhnt gleich nach der Ankunft an Etzels Hof Kriemhild offen. Er weigert sich, am Hof Etzels die Waffen abzulegen: eine schwere Beleidigung des Gastgebers. Er zeigt demonstrativ, dass er Siegfrieds Schwert mit sich führt. Kriemhild wagt jedoch nicht, aus Angst vor Dietrichs Zorn, dagegen einzuschreiten.schwert Sie versucht, hunnische Krieger dazu aufzureizen, einen Kampf mit Hagen zu beginnen. Diese fürchten aber die Stärke Hagens und dessen Gefährten Volker; Kriemhild muss den Plan fallen lassen. Etzel ahnt nichts von den Racheplänen seiner Frau. Er zeigt jedoch seine Vorrangstellung, indem er die Burgunden lange im Hof warten lässt, bis sie den Königssaal betreten, und erhebt sich erst von seinem Sitz, um Gunther entgegenzugehen, als dieser den Saal betritt.

Die Burgunden fürchten, dass in der Nacht ein heimlicher Überfall erfolgen könnte, da man bei Tag ihre Stärke fürchtete. Hagen und Volker halten gemeinsam Schildwacht. Volker, der außer als Kämpfer vor allem eine wunderbare Begabung als Musiker besitzt, spielt auf der Fiedel beruhigende Melodien, die den Burgunden die Angst nehmen und sie einschlafen lassen. Die aggressiv-witzigen Sprüche und Handlungen Volkers tragen allerdings zur Eskalation des Konflikts bei, so dass eine friedliche Beilegung unmöglich wird. Die 30. Aventüre mit der Schilderung der ergreifenden Wirkung der Musik bildet einen besonders lyrischen Abschnitt des Werkes.

31.–33. Aventüre

Am nächsten Tag provozieren Hagen und Volker die Hunnen, da sie ahnen, dass es zum Kampf kommen wird und diesen möglichst schnell herbeiführen wollen. Andererseits will Kriemhild Etzels Bruder Blödel durch das Angebot großzügiger Geschenke dazu bringen, Hagen zu töten. Dieser lehnt jedoch zunächst ab. Ebenso kann Kriemhild ihre Brüder Gernot und Giselher nicht zur Abkehr von Hagen bewegen. Etzel ist den Gästen freundlich gesinnt und will Ortlieb, den sechsjährigen Sohn Kriemhilds und Etzels, der christlich getauft wurde, den Burgunden als Bindeglied zwischen beiden Reichen zur Erziehung nach Worms mitgeben. Hagen vermutet in diesem Angebot einen Vormachtsanspruch Etzels und prophezeit den Tod des Kindes.

Angesichts der großzügigen Angebote Kriemhilds sieht sich Blödel veranlasst, zumindest Dankwart, den Bruder Hagens, der die Knechte beaufsichtigt, zum Zweikampf herauszufordern. Dankwart erschlägt Blödel und daraufhin erschlägt eine Schar von Hunnen ihrerseits die wehrlosen Knechte der Burgunden.saal

Dankwart kämpft sich blutig durch die Hunnen zum Rittersaal durch und berichtet Hagen den Vorfall. Daraufhin tötet Hagen Ortlieb und fordert die Burgunden auf, die Hunnen umzubringen. Es kommt zum Blutbad. Unter den Burgunden tut sich außer Hagen und den Königen vor allem Volker hervor. Etzel und Kriemhild können den Saal nur unter dem Schutz Dietrichs verlassen. Dietrich empfindet zwar Sympathie für die Burgunden, bleibt aber Etzel und Kriemhild treu. Er und Rüdiger versuchen zunächst, neutral zu bleiben.

34.–38. Aventüre

Im Laufe der Kämpfe gehen die Helden beider Seiten zugrunde; ein Umschwung tritt ein, als Etzel und Kriemhild Rüdiger anflehen, er solle ihnen seine Lehnstreue beweisen. In dem Konflikt zwischen Lehnstreue und Treue zu den zukünftigen Verwandten entscheidet sich Rüdiger für die Pflicht und kämpft mit allen seinen Mannen gegen die Burgunden. Hagen hatte in Pöchlarn von Rüdigers Gattin einen Schild als Gastgeschenk erhalten; in einer symbolischen Forderung verlangt er nun Rüdigers Schild, da ihm jener zerbrochen sei.treue Mit der Bereitschaft, seinen Schild Hagen zu überlassen, erkennt Rüdiger symbolisch seine Verpflichtung an, den Burgunden Schutz zu gewähren, lässt jedoch vom Kampf nicht ab. Hagen bewundert Rüdigers ethische Gesinnung; er und Volker greifen Rüdiger nicht an. Zwischen der Truppe Rüdigers und den übrigen Burgunden entspinnt sich jedoch ein Gemetzel, in dem Gernot und Rüdiger einander töten.

Die unermessliche Klage der Hunnen um den allseits beliebten Rüdiger dringt auch an Dietrichs Ohr. Als er die Ursache erfährt, schickt er Hildebrand aus, den alten Waffenmeister Dietrichs, von den Burgunden den Leichnam Rüdigers zu erbitten, um ihn ehrenvoll begraben zu können. Gegen Dietrichs Willen begleiten jedoch die jungen Heißsporne aus Dietrichs Gefolgschaft Hildebrand. Als Volker sie verspottet, es sei Feigheit, um den Leichnam zu bitten, statt sich ihn im Kampf zu holen, reißt ihnen, vor allem Hildebrands Neffen Wolfhart, die Geduld, und gegen Dietrichs Befehl stürmen sie in den Kampf. Wolfhart und Giselher erschlagen einander; Hildebrand erschlägt Volker. Von den Burgunden leben nun nur mehr Gunther und Hagen. Von Dietrichs Leuten kommt nur Hildebrand mit dem Leben davon; er meldet Dietrich den Tod aller seiner Getreuen.

39. Aventüre

Dietrich von Bern beklagt den Tod seiner Gefolgsleute; durch die Klage gewinnt er wieder Heldenmut. Mit Hildebrand tritt er vor Gunther und Hagen und fordert Genugtuung für die Erschlagenen. Er wäre bereit, Gunther und Hagen das Leben zu schenken, wenn sie sich ihm ergäben. Vor allem Hagen ist nicht bereit, darauf einzugehen. Da kämpft Dietrich gegen beide, besiegt sie und überantwortet sie gefesselt Kriemhild, mit der Forderung, sie möge ihnen das Leben schenken, wenn sie bereit seien, für das ihr angetane Leid Entschädigung zu leisten. Dietrich vertritt den Standpunkt, dass auch für einen Mord Geldbuße geleistet werden kann. Kriemhild verlangt von Hagen den Schatz, um Dietrichs Bedingung zu erfüllen – allerdings ohne zu erwarten, dass Hagen darauf eingehen wird. Er erklärt ihr, das Versteck nicht kopfpreiszugeben, solange einer seiner Herren noch lebt. Darauf lässt Kriemhild Gunther den Kopf abschlagen. Als sie mit dem Haupt ihres Bruders vor Hagen tritt, erklärt er, nun wüssten nur Gott und er den Aufenthalt des Hortes. Provokant hatte er das Schwert Siegfrieds, das er sich widerrechtlich, durch Leichenraub, nach dem Mord angeeignet hatte, an den Etzelshof mitgenommen. Dieses ergreift nun Kriemhild und, nachdem es den von ihr dazu angestifteten Männern nicht gelungen war, sie zu rächen, schlägt sie, im Gedenken an ihren toten Geliebten, Hagen eigenhändig mit Siegfrieds Schwert den Kopf ab. Die Männer sind entsetzt, auch Etzel; nicht über den Tod Hagens, den er selbst wünschte, sondern dass der größte Held durch die Hand einer Frau starb. Zur Rache dafür erschlägt Hildebrand Kriemhild; weil sie als Frau wagte, einen Helden zu töten. Am Ende stehen Dietrich von Bern, Hildebrand, Etzel und die ritterliche Gesellschaft weinend vor der Bilanz unsagbaren Elends, und auch der Erzähler nimmt trauernd Abschied. Die Worte der unerfahrenen Kriemhild aus der Eingangsaventüre, „Es hat sich an vielen Frauen gezeigt, dass Liebe am Schluss mit Leid lohnen kann“,[11] werden vom Erzähler in der vorletzten Strophe variiert zu: „wie die Liebe am Schluss immer Leid gibt“.[12] Dieses Leid betrifft aber nicht nur die Liebeshandlung, sondern die ganze höfische Gesellschaft mit ihrem Streben nach Freude, sowohl kollektiver Freude, die im Fest verwirklicht werden soll, als auch nach individueller Freude. Um Freude empfinden zu können, braucht das höfische Individuum vor allem zweierlei: individuelles Liebesglück mit einem selbst gewählten Partner (im Gegensatz zur vorhöfischen Gesellschaft, in der man glücklich wurde, wenn man gut verheiratet wurde, wie Kriemhilds Mutter Ute in Str. B 14 formuliert), und außerdem Ehre, das ist das Ansehen, das man bei den anderen genießt. Dem Mann wird Ehre vor allem für heldenhaften Kampf zuteil. Dieses Streben des Individuums und der höfischen Gesellschaft nach Freude ist am Ende gescheitert.