5. August 1998 6 Uhr morgens

Erstaunlicher weise zeigte sich der rote Sonnenball immer noch im Osten über dem Horizont als Pierre sein Fahrrad raus holte und durch das zerstörte Köln fuhr.

Die meisten dachten, daß ihn seine Eltern in alter kölscher Tradition mit einem französischen Namen beglücken wollten, die großen Familien in Marienburg waren – wie Namensvergleiche zeigten – langsam von Brüssel über Lüttich, Aachen, Düren eingewandert, aber die Erinnerung an zwei Weltkriege hatte so tiefe Spuren hinterlassen, daß man hoffte, – wie in dem großen Epos des Grafen Tolstoi – mit der Namensgebung den Sohn wenn nicht schützen zu können, doch wenigstens eine Zukunft als tumber Tor, der vielleicht wenig Großes aufbauen würde im menschlichen Sinne aber auch nichts Großes einleiten im teuflischen Sinn.

Er fuhr durch die Ehrenstrasse, dann die Breite Strasse. Vor der Schweizer Ladenstadt hielten Taxis um auf die letzten Discobesucher zu warten, zwei Brotshops hatten schon auf und schenkten Kaffee aus, die alte Frau, klein, dünn, noch recht gut angezogen, die man den ganzen Tag mühsam durch die Stadt wandern sah, und die wohl wie manche andere irgendwo auf einer Bank geschlafen hatte, trottete mit ihrem gepflegten weißen Haar vorbei.

Dann Tunis- und hohe Straße, Alter Markt und endlich das Rheinufer. Das Wasser war wohl auch nicht mehr so jungfräulich wie einst als noch die Treidelpfade von Kaltblütergespannen zerstampft wurden bei der schweren Arbeit Lastschiffe den Fluß hochzuziehen, nein immer noch war zu viel dem lebenden Naß fremde Chemie darin gelöst, die Ufer waren so begradigt, daß man eher von einem Kanal sprechen konnte, aber allein die ungeheure Menge Wassers, die jede Sekunde vorbeifloß, machte den Fluß doch zum Fluß und Leben, ein Lebendiges, dem die Zerstörung nicht so viel anhaben konnte wie den Steinen der Stadt. Den der Fluß lebte und floß, überschwemmte jährlich seine Ufer, zerstörte hier, verdreckte dort oder versumpfte die Füße der Ulmen in den Auen, die ohne dieses Wässern nicht Auenwälder sein konnten, die Frachten der Kähne trug er wie zu allen Zeiten klaglos, sogar freudig wenn man das Spiel der Wellen am Ufer klatschen hörte.

Er floß seit der letzten Eiszeit, veränderte mal das Bett ein wenig, und würde noch bis zur nächsten hier fließen, immer gleich und mächtig ohne das Menscheneinfluß etwas daran ändern könnte oder wollte.

Pierre fuhr auf dem Uferweg nach Norden begleitet vom gleichmäßigen Klick – Schgrr der Pedalen, die am leicht verbogenen Kettenschutz streiften.

Kurz vor der Zoobrücke rechts stand das Fischerhäuschen, ein Relikt der 30 er Jahre, jetzt wurden dort auf den Gartentischen Pizza und Pasta serviert. Früher, ehe die Deutsche Industrie, besonders die Chemische den Fluß als billige Kloake entdeckt hatte um dort direkt giftige Abfälle reinzuschmeißen oder indirekt über die Landwirtschaft ihre tödlichen Gifte auf die Pflanzen geschüttet, in den Boden sickernd, vom Regen ausgewaschen, in die kleinen Flüsse gespült, um endlich den Rhein zu erreichen, die Pestizide, die aus der Giftgasproduktion des ersten Krieges entstanden, die Stickstoffdünger, geile, fad schmeckende, schlecht ernährende Pflanzen zeugende Gifte, die nicht nur von Liebig erfunden, sondern besonders beworben von der Schießpulverindustrie, deren Produktionsstätten 1920 leicht umgestellt waren und nun neue Absatzmärkte suchten, früher, als das alles noch nicht war, lebten im Fluß Fische, Aale, die von verankerten Aalschokkern

nachts mit Netzen gefangen wurden, Schwärme von Maifischen, deren Verzehr im Wonnemond Lokale wie das Fischerhäuschen wachsen ließen, Lachs, der zur Weihnachts- und Sylvesterzeit auf den Speisekarten Pariser Feinschmeckertempel oder den Empfängen des Kaisers in Berlin als besondere Delikatesse angezeigt wurde, und dazu alles was sich der Flußfischer wünschen könnte.

Fischerbruderschaften hatte es gegeben in Porz, Poll, Deutz, Mülheim, Rodenkirchen, Altstadt, Riehl, Niehl, Merkenich, Rheinkassel, Langel und so fort. Fischer die mit ihren Fliegern, lange schmale Holzboote mit langen, sich verjüngenden šberhängen, an den ruhigen Rändern des noch unbegradigten Flusses wo das Wasser nicht mit den drei bis fünf Knoten, die in der Strommitte herrschten, auch gegen den Strom rudern oder, falls der Wind in einzelnen Windungen mal von achtern kam, auch segeln konnten.

Die sandigen Strände an den Innenkurven, wo das Wasser langsam floß und wenig tief war, wurden mit großen Netzen befischt, die eine ganze Bruderschaft, bis zu 30 Fischer, ausbrachte und Hand über Hand voll silbernen Glitzerns einholte, vergleichbar der Strandnetzfischerei am Ozean, wie man sie heute noch in Gambia etwa oder Papua sieht.

Das Maifischessen war eine Festzeit in Köln, Maifische gekocht, gebraten, eingelegt, in Suppe, im Teig, in Aspik und was sonst noch die zweitausend Jahre alte, von allerlei Kulturen beeinflußte Kölner Zunge sich einfallen ließ, dazu Mosel, Rhein und Badischer Wein, das deftige fast schale Bier aus den obergärigen Brauereien, oder für die Habenden eine Flasche Veuve Cliquot, bei deren Trinken man sich eins fühlte mit Wilhelm Busch oder der Petersburger Oberschicht vergangener Zeiten falls man es geschafft hatte im Gymnasium Kreuzgasse nicht nur Unsinn zu treiben wenn von Bildung die Rede war. Der deftige Rauch gegrillter Fische vermischte sich in der Erinnerung in Pierres Nase mit dem merkwürdig miesen Geschmack billiger Pizzas, dem Geschmack, der bei Hunger Lust erregte und nach erfolgter Speisung für Stunden den Mund mit Ekel ausfüllte.

Alles über Maifische in Köln Poll

Die Rheinuferstraße sprich Niederländer Ufer wurde immer lauter wodurch sich der baldige Beginn der Frühschicht bei Ford in Niehl ankündigte und Pierre flüchtete eine Etage tiefer zum Ufertreidelweg, jetzt schön gepflastert, begrünt, mit Bänken möbliert, eine erster, so hoffte man, guter Eindruck für die vielen Rheinschiffkreuzfahrer, die hier von verschiedenen Stegen aus an Land und in Busse gekarrt wurden, um die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu genießen. Bei besonders billigen Holländischen Schiffsreisen sparte man sich die Busse, besichtigt wurde zu Fuß, was dann etwa so ablief. Rheinuferbänke besetzt von schlafenden Obdachlosen weil die Schlafheime längst von einem gewichtigen Teil der mehr als 20 Prozent Arbeitslosen in Köln überfüllt waren, Bahnhof und Vorplatz verziert von Punks und Junkies, Domplatte mit mittelalterlichen Belustigungen, draußen Musiker, Gaukler, Pflastermaler, Bänkelsänger aus aller Welt, drinnen – im Dom – Schweizer, Sammelbüchsen, Andenken und Erbauliches, dann das wirklich große Vergnügen der Menge, Einkaufen, Einkaufen, Einkaufen auf der kauflustigsten Meile Deutschlands, Hohe Strasse und Schildergasse. Pierre erinnerte noch Zeiten, wo das Flanieren zwischen den Geschäften, den vielseitigen Waren, dem Gegensatz von Qualität und preiswertem Woolworth und dem Espresso bei Campi vor dem Kinobesuch in der Lupe gut war.

Jetzt seien die Mieten angeblich so gestiegen, daß es dort nur noch möglich war absoluten Schrott mit betrügerischen Aufschlägen zu verkaufen. Aber wenn 38 Prozent der Bevölkerung Kaufen als ihre liebste Freizeit ansehen, ist die Ware selbst, deren Inhalt, Qualität, Schönheit, Gebrauchsfähigkeit auch Nebensache geworden, sie soll nur noch ein Bild vorspielen, könnte eventuell ganz aus einem Bild bestehen, virtuell natürlich, man wählt den schönen Schein aus, bezahlt mit Plastikscheingeld und erhält des Kaisers neue Kleider.

Der gepflasterte Weg endete und es ging weiter auf einem schmalen Wiesenpfad. Zu dem Klick-Schgrr der Pedalen kamen neue, undefinierbare Klappergeräusche der Schutzbleche oder des Gepäckträgers hinzu. Links sprangen und grasten Schafe in einer hektargroßen Elektrozauneinfriedung, im Sommer wanderte die Herde die Rheinwiesen bis zum Niehler Hafen rauf und runter.

Spaziergänger, besonders die mit Kindern freuten sich am Anblick der verrenkten Hälse der Lämmer die an den Zitzen hingen, Jogger rutschen schon mal auf den Hinterlassenschaften aus. Jetzt war außer einem Radler, der mit Stullenpaket und Regenhaube unter den Bügel des Gepäckträgers geklemmt, eilig Richtung Fordschicht fuhr, ein Relikt ohne Auto aus vergangenen Zeiten, Schulden, Scheidung, oder das Auto nur in der Inspektion, wer sollte ihn fragen, niemand unterwegs.

Pierre wollte ihn erst überholen, ermattete aber dann und machte eine Pause im Cranachwäldchen. Am Ufer sitzend, hinter sich die großen Ulmen, vor sich den unermüdlich fließenden Strom, auf dem Kopf die schwarze Schirmmütze, in der Lunge Keuchen, an den Beinen die ersten neugierigen Ameisen, legte er sich nach hinten in das Gras und schaute auf die einzelnen Wolken, die von Südwesten kamen und langsam aber stetig nach Nordosten zogen.

Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometern hatten sie gestern abend die wilde Kathedrale von Laon überflogen, und gestern morgen um dieselbe Zeit die Menhirfelder der Bretagne getreift. Vielleicht waren sie Überbleibsel eines Sturm in der Biskaya, die nach Norden vertrieben waren, vielleicht hatten sie auf einer Bilbao-Portsmouth Fähre die dämlichen Vorstellungen der Animateure gestört, vielleicht stammten sie überhaupt aus Galizien, waren erst die Milchstraße entlang nach Osten gezogen, dann nach Norden geschwenkt um mit dem Sturm zu feiern, denn das war für Wolken immer ein großer Spaß wenn sie vom Sturm gejagt, zerzaust und zum tanzen gebracht wurden, dann buchten sie eine Reise mit dem stetigen Wind, der fast immer von Südwesten nach Nordosten über Europa zog, überflogen majestätisch Köln und harrten der Vergnügen, die Sachsen, Mark Brandenburg und die Kurische Nehrung ihnen bieten würde, wenn sie übehaupt so weit kämen und nicht vorher Mitleid mit einem verdurstenden Gurkenfeld hätten und sich ausregnen würden.

Die Ameisen krabbelten immer höher und bei einer räkelnden Bewegung streifte sein linker Arm eine Brennessel, die hier Eisen aus dem Boden zog. Er stand auf, schüttelte die Ameisen ab, rieb die brennenden Pusteln mit Spucke ein was etwas Linderung brachte, zog den Schirm der Mütze tiefer, der Rhein machte jetzt einen Bogen nach Osten und die noch niedrig stehende Sonne blendete ziemlich wie die ersten Lichte der Morgensonne es oft tun, nahm sein Fahrrad auf und fuhr weiter. Hier zwischen den Bäumen war der Weg holprig weil die Wurzeln, vom Hochwasser ausgewaschen, an vielen Stellen so in der Luft hingen, daß man an Mangrovenwälder in äquatorialen Gestaden erinnert wurde. Eine der querlaufenden Wurzeln stand so hoch, daß er wohl noch das Vorderrad hochreißen konnte, aber dann mit der rechten Pedale, die gerade unten war, hängen blieb, samt Fahrrad hinfiel, wobei das Vorderrad zur einer leichten Acht verbog und sein linkes Bein von einem abgebrochenen Teil der Wurzeln leicht aufgerissen wurde. Er blieb erst einmal liegen, warf das Rad, das jetzt auf ihm lag, zur anderen Seite, und drehte sich auf den Bauch, weil das angenehmer schien. Vor ihm krabbelte ein Mistkäfer, der aus dieser Entfernung sehr groß schien, auf einem Häufchen Kaninchenknöddel, etwas weiter sog der erste Zitronenfalter an der Blüte einer Margarite, und unter der Wurzel, die ihn zu Fall gebrachte hatte, war ein tiefer Hohlraum ausgespült an dessen Ende etwas Helles, fast Weißes leuchtete. Er griff rein, fühlte Hartes, Kaltes, Glattes und doch Geriffeltes, kratzte noch Erde fort um den Gegenstand fassen zu können, ein unangenehmes Gefühl zu spüren wie die Dreckwülste unter den Fingernägeln dicker wurden, und hatte endlich das Ersehnte in der Hand.

Ein dreiseitiger, schalenänlicher, mit vertieften konzentrisch von einem Eckknubbel ausgehenden Strahlen versehener, weißlicher Gegenstand, der, obwohl nicht mehr vollständig, eine Ecke schien rausgebrochen, sehr genau einer Muschel gleichsah, was sich nach genauerer Untersuchung auch bestätigte. Der Durchmesser betrug etwa 8 cm und der Eckknubbel war durchbohrt.

Pierre setzte sich auf, lehnte gegen den Baum und klärte so vor sich hin. Der Baum, unter dessen Wurzel er die Muschel gefunden hatte, war vielleicht dreihundert Jahre alt, also war die Muschel schon länger hier. Was macht eine so große Muschel hier, im Fluß hat es das nie gegeben. Warum hatte sie ein Loch? Vielleicht für ein Band an dem man sie umhängen konnte? Wer hängte sich Muscheln um? Was für eine Muschel war es überhaupt? Wo blieb der kleine Gnom, der ihm alles verraten konnte? Er hatte zwar noch nie einen gesehen, hoffte aber immer noch, nachdem er so viel darüber gelesen hatte, und auch tage- und wochenlang an den angeblich dafür richtigen Orten gelauscht und beobachtet hatte, daß er einen sehen würde, obwohl er die Bestätigung eigentlich nicht brauchte, da er fest von ihrer Existenz überzeugt war, aber einen zu sehen wäre doch schön gewesen. Zehn Meter vom Ufer entfernt fuhr eine Spitz mit Französicher Flagge und lautem Tuck, Tuck Tuck ihre Fracht zu Berg, schmal und kurz genug um all die kleinen Schleusen von Maasbracht bis Paris passieren zu können. Sie hieß Frères Jaques, was Pierre zum lächeln reizte, den das war der Clou der ihm beim klären noch gefehlt hatte. Dank dir Gnom!

Natürlich, es war eine Jakobsmuschel, und Jakobsmuscheln trugen im Mittelalter die Pilger der großem Ströme, deren einer auch von Köln loszog um sich dann mit anderen in der Gegend von Biarritz zu dem endlosen Lindwurm von Gläubigen, Büßern, Sündern, Heiligen, Tachendieben, Steinmetzen, Nonnen, Huren, Geschäftemachern, Küfern, mit dem Ziel Compostela zu vereinigen.

Der Rest des Weges bis zur Brücke über die Einfahrt des Niehler Hafens verlief ohne Ereignisse. Dank der Shimano-Schaltung schaffte er es gerade noch die Steigung hochzufahren, dann klopfte sein Herz bis in die Ohren so stark, daß er lieber abstieg und dem Verladen der Container zusah. Hunderte vierzig Fuß Behälter waren auf dem Kai gestapelt, zwei motorisierte, fahrbare Monster, Sauriern gleich, griffen mal hier einen, legten dann neue Stapel an, luden sie auf Tieflader oder auf dazu eigens gebaute Eisenbangestelle, stellten sie den Portalkränen griffbereit hin, die mit ihrer Spinnenhand Frachtschiffe beluden, Pierre hätte sich einen Röntgenblick gewünscht, es war doch zu schade, daß man nicht sehen konnte was verladen wurde und woher es kam oder wohin es ging, obwohl eigentlich die Variation des Gehandelten so abgenommen hatte, daß kaum zu unterscheiden war, ob ein Turnschuh aus Portugal, Ungarn oder Taiwan stammte, die drei Streifen erinnerten nur an schicke Plakate und der Geruch an fremde Länder, der früher den Waren anhaftete und die Phantasie zu einem romantischen Spiel werden ließ, war heute zum Gestank globaler Gleichform verkommen.

Dennoch war es schön, den Hafen von oben zu sehen, die Schiffe, die langsam unter der Brücke durchzogen, meist mit holländischer Flagge, einige Deutsch, wobei am Stahlsteuerhaus mit kleinen Scheiben und zurückweichender Front die ehemaligen DDR Frachter zu erkennen waren, deren Aussehen im ganzen Sowjetbereich die übliche Konstruktion zeigte, dann Belgier und wenige Franzosen. Zwei drittel waren Partikuliere, will sagen der Kapitän ist Eigentümer und nicht Angestellter einer Reederei, was leicht an den Autos auf dem Heck oder dem gelegentliche Kinderspielplatz mit Gitter, einem gigantischen Laufstall ähnlich, auf den Ladeluken zu erkennen war.

Im Becken C wurden große Mirantistämme entladen, ein preiswerterer Mahagoniersatz, dort zersägte sie ein Importeur in handliche Stücke, die meist zu Fensterrahmen verarbeitet wurden, leider nicht zu wunderschönen, rötlich leuchtenden Mahagonimöbeln oder Yachten, wie sie England bis zur Jahrhundertmitte noch gefertigt hatte, wegen der Tropenwaldvernichtung traute sich niemand mehr das anzubieten geschweige denn zu kaufen, bei den Fenstern war da etwas anderes, da sie weiß lakiert wurden, sodaß der Ursprung nicht mehr erkennbar und das Gewissen, besonders den Mitmenschen gegenüber beruhigt war.

Es blieb offen, ob Holz für Möbel oder Brandrodung im Urwald, die den von Zucker- oder anderen Plantagen in Brasilien vertriebenen Bauern ein kärgliches Leben gab, oder Waldvernichtung durch Stauseen und Industrie mehr schadete. Mit diesen Gedanken zerstoben auchdie letzten Träume von der Ferne beim Anblick der Holzfracht. Das Alles hatte aber auch sein Gutes, Pierre merkte immer mehr im Laufe der sich aneinander reihenden Jahre, daß er zum Überleben nicht mehr Hoffnungen, Sehnsüchte, Träume einspannen konnte, sie waren seit dem Ende des Krieges Stein für Stein von dem Zukunftsbau, der einmal sein Haus hatte werden sollen, abgebröckelt, nein heute fühlte er, daß Gelassenheit im Betrachten des Lebens und Vertrauen auf die Erneuerungskraft der Menschen zum Kern des Wesens werden mußten, eine Gelassenheit von Toleranz getragen, die eigentlich, wenn man mit den besten Gedanken unserer Kultur vertraut war, am Anfang stehen mußte, die eine erste Stufe sein sollte, von der aus erst der Aufbau möglich war.

Mit quietschenden Felgenbremsen fuhr er die Brücke runter, dann den Niehler Damm entlang bis ein Leichenzug an der Kapelle den Weg hemmte. Er fragte einen der Herumstehenden nach der Ursache dieser frühen Betattung, meist fingen die doch nicht vor neun Uhr an, und erhielt die Auskunft:

“ Dat is doch dat Bonbonmariechen, de wor wat spinnert, dat is de leve lange Doch en dr Stadt römjetrokke un hätt sone Kräuterkamelle verdeelt, ever et wor e jote Minsch, un hätt do en Niehl gewohnt, un de Pastör hett wolle er de letschte Wönsch geve, wo et doch alleweil so früh uf wor, dat et och früh no de Kerchhuf kömmt.“

Pierre erinnerte sich an sie. Er hatte sie einmal in Ehrenfeld beim Strohut, einmal auf der Kalker Hauptstrasse und ein letztes Mal auf der Ehrenstrasse vor dem Kino, als es noch City hieß, getroffen, das heißt eigentlich hatte sie ihn getroffen, ihn begrüßt, nach dem Befinden gefragt und einen Kräuterbonbon gereicht mit den Worten alles Gute. Dabei hatte sie freundlich gelächelt. Jedesmal war es eine Zeit gewesen, die mit trüben Gedanken und trauriger Stimmung durch diese Begegnung erheitert wurde. Solange der Bonbon im Mund aufweichte war Frieden und auch später half die Erinnerung an diese Begegnung mit, die Gedanken in anderen Regionen als den täglichen flimmern zu lassen. Mitten in der Stadt entstand etwas Zeitloses, Immaterielles, nicht Beschreibbares, unscheinbar Wesentliches, das ihm Vertrauen gab ohne, daß er wußte wie und weshalb. Pierre betete ein Vaterunser für sie und wartete bis der Zug entschwunden war.

Die Uferstrasse wurde nun von dem Ford’schen Areal unterbrochen. Die Autofabrik hemmte nicht nur seinen Weg am Ufer entlang, sondern hatte auch die alte Römerstrasse, die über Zons nach Neuß führte einfach unter sich begraben.

Er fuhr über die Parkplätze Ost, die sich stetig mit Wagen der Verwaltungsangestellten und Schichtarbeiter füllten, sah kurz vor der Emdener Strasse rechts das offene Tor einer Maschinenreparaturhalle, wo schon die ersten Meister und Facharbeiter beim Drehen, Schweißen und Bohren zu sehen waren, ein wenig Neid kam auf, er erinnerte sich an Studentenzeiten, wo er einmal bei Daimler in Stuttgart, ein anderes Mal im Druckhaus Deutz Frühschichten gearbeitet hatte, und an die besondere Athmosphäre, die das Tun an und mit Maschinen am frühen Morgen mit sich brachte, ohne daß dabei die Erinnerung an Arbeit auf dem Feld beim Heuladen, Kartoffelroden oder Maisbergen zu früher Stunde verblaßte.

Endlich konnte er nach Merkenich abbiegen, fuhr durch den Ort auf der alten Römerstrasse, machte einen Schlenker durch Kasselberg wo rechts die Campingwagen auf der grünen Wiese den Rheinblick genossen und links die Häuser bis in ein Meter Höhe noch die Spuren des letzten Hochwassers zeigten, kam dann nach Rheinkassel und setzte sich auf ein Mäuerchen vor St. Amandus. Die Kirche war restauriert, verputzt und in buntem Rosa, Weiß und Ocker gestrichen, mit natürlichen Farben, und es mag sein, daß die Farbgebung der ursprünglichen Fassung zur Zeit des Bauens entsprach, aber die folgenden Jahrhunderte hatten eher schwere, gut gefügte graue Steine und im Alter tiefbraun gewordenes Holz gesehen, ob diese Buntheit Echtheit zeigte oder nur den Wunsch kleiner Leute aus allem eine touristische Vergnügungspark-Attraktion zu machen, es wirkte fremd und neu, kam doch auch niemand auf den Gedanken griechische Tempel neu zu fassen und zu bemalen, vielleicht mußte man nur weitere Hundert Jahre die Augen schließen und alles war wieder in Ordnung.

Christoph Silex